Ruby 2 – Reise nach London

Am 29.01.2011 war es endlich so weit: das Musical „Ruby 2 – Reise nach London“ kam in der restlos ausverkauften Breitwiesenhalle in Hochdorf bei Plochingen zur Aufführung. 400 Zuschauer folgten gespannt den Abenteuern einer Gruppe von Straßenkindern, die diese auf Ihrem Weg zum ehemaligen Beatles-Studio in Liverpool erlebten. Und die Zuschauer waren restlos begeistert: sie erfreuten sich an den farbenfroh inszenierten Schauspielszenen ebenso wie an den mal rockigen, mal eher gefühlvoll dargebotenen Liedern.
Ruby 2, das war ein ganz besonderes Musical. Wie auch der bereits im Herbst 2009 aufgeführte erste Teil der Geschichte, wurde Ruby 2 vollständig von Jugendlichen geschrieben, einstudiert und ausgestaltet. Dabei kümmerten sich die Jugendlichen in Eigenregie um die Liedauswahl, sie bauten Kulissen, besorgten Requisiten und Kostüme. Sogar eine Tanzeinlage, welche von einer kleinen Gruppe speziell für das Musical choreographiert und eingeübt wurde, wurde kurzfristig ins Programm integriert.
Trotz der Vorbereitungszeit von beinahe einem Jahr, in der die Jugendlichen von der Entwicklung der Idee bis zur Abstimmung der kleinsten Details eine Menge Herausforderungen meisterten, waren die Tage vor der Aufführung hektisch. Bereits ab Mitte der Woche wurde täglich geprobt. Neben dem Feinschliff am Stück musste der Soundcheck durchgeführt, Statisten eingewiesen, Stühle aufgestellt und noch eine Menge anderer kleinerer und größerer Aufgaben bewältigt werden. Es war förmlich zu spüren, wie die Anspannung mehr und mehr zunahm, je näher der große Tag rückte. So hinterließ denn auch die Hauptprobe am Freitag Abend noch eine Reihe von Fragezeichen: „Werden wir es morgen schaffen? Werden wir unseren Text parat haben?  Werden die Bühnenhelfer die Kulissen zur richtigen Zeit an den richtigen Positionen aufbauen? Werden die Sängerinnen bei Stimme sein?“ Mit diesen und weiteren Fragen und einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend ging so mancher Beteiligter an diesem Abend zu Bett.
Als am Samstag dann jedoch die Aufführung näher rückte, konnte man bei den Schauspielern, Sängern und Tänzern im Backstagebereich eine seltsame Ruhe und Gelassenheit beobachten. Und das, obwohl bereits eine halbe Stunde vor Beginn die Nachricht in die Künstlergarderobe durchsickerte, dass die Halle wohl restlos gefüllt sein würde. Alle dachten sich: egal wie der Autfritt verlaufen würde, wir werden auf jeden Fall eine Menge Spaß haben.
Diesen Schwung und diese Freude konnte man denn den Akteueren auch von der ersten bis zur letzten Minute der 2 ½ – stündigen Aufführung abspüren. Mit enormer Frische und Elan traten Sie auf der Bühne auf. Ob als „kleine Schwester“ oder als betrunkener Straßenmusiker: alle füllten ihre Rolle hervorragend und überzeugend aus. Mimik, Gestik, Sprache, Musik – alles fügte sich ein in das Gesamtbild einer ungeheuer spritzigen, kurzweiligen und dynamischen Vorstellung, die von einem hohem Maß an Spielfreude, gepaart mit überraschender Professionalität, schauspielerischer und musikalischer Qualität geprägt war.
Einer der Höhepunkte der Darbietung war direkt vor der Pause zu bewundern: eine Gruppe von Jugendlichen führte zu psychadelischer, live gespielter und gesungener Musik einen Tanz unter Schwarzlicht vor. Am Ende warfen die Tänzer völlig überraschend 180 grüne Leuchtstäbchen in die Menge.
Insgesamt waren an Ruby 2 mehr als 30 Akteuere vor und hinter den Kulissen beteiligt. Da waren neben den Schauspielern, Musikern, Sängern und Tänzern auch noch Ton- und Lichttechniker, Umbauhelfer, Statisten, Kassen- und Barbesetzung, und viele andere, die ihren Teil zum Gelingen beitrugen. Dass am Ende ein Stück wie aus einem Guss heraus kam, was nur deshalb möglich, weil viele Hände im entscheidenden Moment zusammen anpackten, und weil jeder bereit war, sich selbst dem Gesamtergebnis unterzuordnen.
Wer die Chance hatte, die Entwicklung einzelner Beteiligter über die letzten Wochen und Monate zu beobachten, der erlebte an diesem Abend mehr als eine Überraschung. Einige haben hier erstaunliche Leistungen vollbracht. Waren viele der jungen Akteure am Anfang noch schüchtern und zurückhaltend, so standen sie nun mit einer großen Selbstverständlichkeit auf der Bühne, sangen ein Solo oder gingen in den Schauspielszenen richtig aus sich heraus.
In „Ruby 2 – eine Reise nach London reist eine Gruppe jugendlicher Straßenmusiker nach London. In der Großstadt angekommen müssen Sie entdecken, dass sie auf die dort lauernden Gefahren mehr als schlecht vorbereitet sind. Plötzlich jedoch wendet sich das Blatt – im Casino landen die Reisenden einen Hauptgewinn. Und dann werden sie auch noch durch Zufall von einem Musikproduzenten entdeckt und unter Vertrag genommen. Die Freunde können ihr Glück gar nicht fassen und genießen ihr neu gewonnenes Luxusleben zunächst in vollen Zügen. Die Ernüchterung lässt jedoch nicht lange auf sich warten: es wird   schnell klar, dass nicht alle Bandmitglieder ins Erfolgsschema des Produzenten passen. Schmerzhaft müssen die Freunde erkennen, dass der Ruhm auch seine Schattenseiten hat. Als sie feststellen, dass sie Gefahr laufen, sich selbst und ihre Werte aufzugeben und ihr eigenes Leben zu zerstören, besinnen sie sich auf ihre Freundschaft und auf das, was sie alle verbindet: die Kraft der Musik. Dazu bedient sich das Musical eines  geschickten dramaturgischen Tricks: die Freunde schauen in die Zukunft, und sie finden sich am Grab eines Mitglieds der Gruppe wieder, das seiner Drogensucht zum Opfer fiel. Nein, das kann nicht das Ende sein. Dort wollen sie nicht landen. Sie drehen die Zeit zurück, und fangen noch einmal neu an.
Die jugendlichen Autoren haben im Stück Themen umgesetzt, die sie in ihrem Alltag bewegen: So handelt Ruby 2 von echter Freundschaft, von Werten und davon, sich selbst zu finden. Dabei wurde der Zuschauer konfrontiert mit einer Geschichte voll Tiefgang, die jedoch nie mit erhobenen Zeigefinger daherkam, und dem Zuschauer viele Gelegenheiten ließ, herzhaft (über sich selbst?) zu lachen.
Lassen wir uns als Erwachsene herausfordern von der Botschaft von „Ruby 2 – eine Reise nach London“: Wir können die Zeit nicht zurück drehen – es bleibt uns nichts anderes übrig, als heute Verantwortung zu übernehmen für unser Handeln und uns dabei von den Dingen leiten zu lassen, die uns wichtig und wertvoll sind. Genau wie die Jugendlichen, die für ihre Sache, für ihr Musical vieles andere hinten anstellten. Der Erfolg hat sie belohnt und ihnen gezeigt: Engagement lohnt sich.
Wie es nun weiter geht in Hochdorf? Das wird die Zukunft zeigen. Im Moment sind alle noch ein wenig erschöpft von Ruby 2. Die größeren Jugendlichen werden bald Ihren Weg ins Berufsleben gehen. Die nächste Generation steht jedoch schon bereit und möchte sich einbringen mit ihren Ideen. Bereits munkelt man, dass es in zwei Jahren vielleicht wieder ein Musical geben könnte – wir werden sehen. Auf jeden Fall hat Ruby tief greifende Spuren hinterlassen. Hat herausgefordert und motiviert. Nicht nur die Beteiligten, sondern auch so manchen jüngeren und älteren Zuschauer.