Predigt zum Totengedenken 2020 - Offenbarung 21,1-5a

1. Der Rahmen I

Was kommt? – willst Du wissen?

Was kommt, wenn unsere Tage hier an ein Ende kommen?

Wenn es Zeit wird zu gehen?

Wenn der Vorhang fällt?

 

Was kommt für UNS, später dann?

Und was IST bereits für DIE gekommen, die wir liebhatten und deren Tod wir heute beklagen?

 

Gott schickt einen Engel.

Jeden Tag neu. Heute zu Dir.

Er sagt, was Engel schon immer gesagt haben.

Er sagt: „Fürchte dich nicht! Vertrau nur, Gott ist doch da!“

 

2. Urchristliche Bedrängnis

Die Männer wischen sich den Schweiß von der Stirn. Uff. Geschafft!

 

Sie haben ein Loch ausgehoben. Lang und schmal und tief bis zur Hüfte.

Sie haben Gras abgerissen und hineingestreut.

Und darauf dann den Toten gelegt, vorsichtig und bedächtig, zärtlich fast – eingewickelt in weiße Tücher.

Und obendrauf ein paar Blumen.

So liegt er da, in dem brauen Loch.

 

Die Männer haben ernste Minen. Schütteln die Köpfe.

„Jetzt auch noch ER! Ausgerechnet!“ – sagt eine mit erstickter Stimme in die Stille hinein. „Wie geht‘s denn nun weiter, in der Gemeinde, ohne ihn?“

„Und noch so jung!“, sagt eine andere.

Die Frauen schluchzen. Weinen. Murmeln.

„Diese Hunde“, zischt eine, und ihre Augen verengen sich zu dünnen Schlitzen.

 

Der Wind weht über die Kreuze.

Es riecht nach Blut und frischer Erde.

Die Männer nicken einander zu.

Dann schieben sie vorsichtig die Erde wieder zurück.

Das weiße Tuch verschwindet unter feuchter Erde.

 

Zum Schluss steckt einer ein Kreuz auf den Hügel. Zwei Zweige, mit einer Schnur zusammengebunden.

„Selig die, die um Jesu willen geschmäht werden und getötet.“ – sagt er.

Und alle antworten: „Amen.“

Sie nehmen einander noch einmal bei den Händen. Schließen die Augen. Und sprechen die altvertrauten Worte.

„Vater unser im Himmel … Erlöse uns von dem Bösen. Ja, Herr, erlöse uns. Erlöse uns doch endlich von dem Bösen.“

 

Im Jahr 67 n.Chr. hat das Böse einen Namen: Es heißt Nero. Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, seiner Exzellenz Kaiser von Rom, Alleinherrscher über ein riesiges Imperium.

Nero ist eine Bestie:

Er hat die Armenier massakriert.

Hat Rom niederbrennen lassen.

Und Britannien überfallen.

Ansonsten geht er in die Geschichte ein, weil er die schönen Künste liebt. Die Musik natürlich. Die Literatur. Das Theater.

Und weil er die Christen verfolgt.

Er stöbert sie in ihren Verstecken auf.

Er jagt sie, wo immer er kann.

 

Neros Hass kennt keine Grenzen:

Wenn’s gut geht, vertreibt er sie über die Grenzen seines Reiches hinaus.

Manchmal geht’s aber auch nicht gut. Dann lässt er die Christen ertränken. Im Meer. Mit einem schweren Stein.

Er lässt sie rädern. Kreuzigen. Mit den Füßen nach oben – bis ihnen irgendwann der Kopf platzt.

Oder er lässt sie in Felle stecken, um sie zur Belustigung des Volkes den Löwen zum Fraß vorzuwerfen.

 

Es ist die Hölle!

Für die Christen der zweiten nachchristlichen Generation ist es die Hölle.

Sie setzen alles auf’s Spiel für ihren Glauben. Riskieren Kopf und Kragen.

Ist es DAS wert? – fragen viele.

Manche wenden sich enttäuscht ab: Der Preis ist zu hoch, die Leiden zu groß.

Andere bleiben. Trotzdem.

Sie bleiben. Und ertragen – wenn’s sein muss – Folter, Leiden, Martyrium, manchmal sogar den Tod.

 

Was meinst Du: Was brauchen Menschen, die so sehr am Rande sind, an der Grenze?

Johannes schreibt Briefe. Mutbriefe.

Mutbriefe an die, denen das Wasser bis zum Hals steht.

Mutbriefe an die, die zugrundezugehen drohen in Verfolgung, Tränen und Leid.

 

Johannes schreibt:

Ich sehe Euch, meine Lieben, Euch und Eure Bedrängnis.

Ich sehe, was ihr durchmacht: wie ihr geschunden werdet, gefoltert und ermordet.

Ich sehe Eure Tränen. Ich höre Euren stummen Schrei.

Ich sehe Eure Bedrängnis.

Und ich sehe den, der Euch bedrängt.

Nero. Er ist wie eine giftige Schlage, die Feuer speit und Wasser und alles Leben vertilgt.

Er ist wie ein roter Drache, der mit dem Schwanz die Sterne vom Himmel fegt und der die Kinder Gottes frisst. (Kap.12)

Genau – sagen die, die seine Briefe lesen – so ist er, so ist Kaiser Nero.

 

Ich sehe, was ihr durchmacht – sagt Johannes.

Aber ich sehe mehr. Sehe darüber hinaus.

Darüber hinaus? – fragen die – wie meinst Du das?

Und Johannes schreibt:

Ich sehe einen neuen Himmel und eine neue Erde;

denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

von Gott aus dem Himmel herabgekommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach:

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!

Und Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein, und Er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,

und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;

denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach:

Siehe, ich mache alles neu!

 

3. Der Rahmen II

Bilder, sagst Du, nichts als Bilder?

Sicher. Aber: Was haben wir denn SONST?

Wir können doch ALLE nicht mit Sicherheit sagen, was da kommt. Was kommt hinter der Todesgrenze.

 

Nichts lässt sich sagen.

Nur eines, eines ist uns versprochen:

Dass der, aus dessen Schoß wir kommen, aus dessen Hand, dass der, der uns gehalten hat von Anbeginn an –

dass der uns auch am Ende wieder erwarten wird:

mit offnen Armen, mit dem Blick voller Güte und Barmherzigkeit.

Wir kommen aus Gott. Und kehren zu ihm zurück.

Er ist das A, er ist das O, Anfang und Ende, Ursprung und Ziel.

Er wird da sein, vertrau nur, ganz da.

 

„Und das, was uns hindert“ – will ich fragen – „das, was uns hemmt? Die Tränen, der Schmerz, das Leid und der Tod? Was ist damit?“

Vorbei – hör ich die Stimme sagen – alles vorbei.

 

„Vorbei? Wirklich? Und dann?“

Was in Trümmern lag und zerstört, das alles – sagt die Stimme – das alles ist wieder ganz, alles ist heil.

Die TOTEN sind wieder heil.

Du SELBER, Du bist wieder heil.

Und Gott, Gott mittendrin.

Bei uns. Am Tisch.

Er bricht das Brot. Er reicht den Wein.

Er sagt: Nichts geht verloren. Alles wird neu.

Amen.