Ohne Gottesdienst leben. Erfahrungen aus Babylonien

»Mit wem wollt ihr mich vergleichen?«, fragt der heilige Gott. »Wer hält einem Vergleich mit mir stand?«

Blickt nach oben! Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie antreten lässt.

Ihr Nachkommen von Jakob, ihr Israeliten, warum behauptet ihr: »Der HERR weiß nicht, wie es uns geht! Es macht unserem Gott nichts aus, wenn wir Unrecht leiden müssen«?

Begreift ihr denn nicht? Oder habt ihr es nie gehört? Der HERR ist der ewige Gott. Er ist der Schöpfer der Erde – auch die entferntesten Länder hat er gemacht. Er wird weder müde noch kraftlos. Seine Weisheit ist unendlich tief.

Den Erschöpften gibt er neue Kraft, und die Schwachen macht er stark.

Selbst junge Menschen ermüden und werden kraftlos, starke Männer stolpern und brechen zusammen. Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.

(Jesaja 40,25-31 nach der Hoffnung für alle-Übersetzung – Predigttext für den 19. April 2020)

 

Wer er war, dem wir diese Zeilen verdanken? Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wer den zweiten Teil des Jesaja-Buches (die Kapitel 40 bis 55) verfasst hat. Und deshalb nennen die Theologen den großen Unbekannten schlicht den Zweiten Jesaja. Nach seinem Vorbild, dem großen Propheten, dem wir die ersten 39 Kapitel des Buches zu verdanken haben.

Was lässt sich sagen über den Zweiten Jesaja? Geboren wurde er vermutlich in Jerusalem. Vermutlich wurde er, als die Babylonier im Jahr 587 v.Chr. Judäa und Jerusalem überfielen, mit gut Zehntausend seiner Volksgenossen nach Babylonien verschleppt. Vermutlich wurde er dort in einem der Dörfer am Fluss Babel angesiedelt, hat Arbeit gefunden, eine Familie gegründet ...

Vermutlich. Wir wissen’s nicht sicher. Was wir sicher wissen, ist, dass es den Exilierten in der babylonischen Fremde erstaunlich gut ging: Sehr bald schon waren sie in Lohn und Brot, die babylonische Gesellschaft bemühte sich um Integration, wahrscheinlich hatten die Judäer sogar eine gewisse politische Autonomie. Vieles ging gut in diesen Jahren. Nur eines drohte auf der Strecke zu bleiben: das war der Glaube an Gott.

Der Gott Israels: Über viele Jahrhunderte hinweg war in Israel klar gewesen, wo der zu finden ist: im Tempel. Dort, in Jerusalem, wohnte Gott – so sagten’s die Priester und Theologen. Einzig dort. Und darum wallfahrtete ganz Israel zu den drei großen Festen im Jahr für je eine Woche nach Jerusalem, um dort zu feiern, zu singen, zu beten und zu opfern, kurz: um Gott zu begegnen.

Lange ging das so. Dann aber, 587 v.Chr., kamen die Babylonier. Sie deportierten nicht nur Jerusalems Oberschicht. Sie legten auch den Tempel in Schutt und Asche. Den Tempel, in dem doch (zumindest nach Meinung der religiösen Wortführer) Gott wohnte. „Und nun?“ – haben die Leute gefragt. Ein über Jahrhunderte geglaubtes theologisches Gedankengebäude fiel in sich zusammen. „Wo ist nun Gott? Wo ist er, wenn sein Haus verschwunden ist? Ist nun auch er, Gott selber, mit dem Tempel zerstört worden, vernichtet?“

Aus biblischen und babylonischen Zeugnissen wissen wir, dass viele der exilierten Judäer ihren aus der Heimat mitgebrachten Glauben über Bord warfen. Sie assimilierten sich – auch religiös. Und begannen fortan die babylonischen Götter zu verehren: den Drachengott Marduk, der die Welt erschaffen hat; Ischtar, die Liebesgöttin natürlich; Tiamat, die Mutter aller Götter; den Sonnengott Schamasch und all die anderen.

Die Judäer setzen ihre Hoffnung nicht mehr auf den Gott Israels. Das – glaubt der Zweite Jesaja – ist die eigentliche Katastrophe des Exils. In dieser Situation fängt er an zu schreiben. Nichts Neues eigentlich; es sind die alten Dinge. Die Dinge, die in Israel noch gewusst wurden vor Jahrhunderten, die nun aber Vergessenheit geraten waren. Überlagert von der Vorstellung, Gott sei einzig und ausschließlich im Jerusalemer Tempel anzutreffen.

„Schaut doch“ – sagt der Zweite Jesaja und reckt seinen Finger in den Nachthimmel – „schaut hinauf. Seht ihr die Sterne?  Seht ihr die Milchstraßen, die Monde, die Galaxien? Schaut doch, wie zahlreich sie sind! Und wie schön! Könnt ihr allen Ernstes glauben, dass das alles entstanden sein soll, indem der Göttervater Marduk die Tiamat in zwei Hälften gespalten hat? Unmöglich! Ein größerer steht hinter allem, ahnt ihr’s? Einer, der alles mit Sorgfalt geschaffen hat, der alles kennt und beim Namen nennt. Der Gott Israels!

Erinnert ihr Euch? Er, der Gott Israels, hat sich doch auch von unserem Elend berühren lassen. Schon einmal. Wir waren Sklaven in Ägypten damals. Fühlten uns von Gott und der Welt vergessen. Er aber, Gott, hat unsere Not gesehen, hat unser Geschrei gehört, unsere Leiden erkannt (2.Mo 3,7). Und hat uns mit starkem Arm herausgeführt und uns in ein Land geführt, in dem Milch und Honig fließen. Wie könnt ihr das nur vergessen? Vertraut doch wieder! Vertraut auf Ihn! Er ist Eure Kraft! Er ist Euer Heil! In ihm liegt unsere Rettung!“

 

Die mehr als 2½ Jahrtausende alten Worte des Zweiten Jesaja. Ich lese sie heute, Mitte April 2020, mit den Augen eines, dem zwar nicht die Kirche, dem aber – wie den judäischen Exilierten – die Gottesdienste abhandengekommen sind. Sie sind seit dem 14. März ausgesetzt.

Wie geht Glaube in diesen Zeiten? Wie geht Glaube, ohne dass wir uns gemeinsam allsonntäglich unseres Glaubensfundaments versichern? Wie geht Glaube ohne Lieder, ohne Abendmahl, ohne das gemeinsame Gebet und ohne den Zuspruch des Segens? Kann Glaube so überhaupt gehen?

„Schau doch hinauf in den Sternenhimmel“ – hör ich den Zweiten Jesaja noch einmal sagen. „Schau auf die wunderbare Blütenpracht in den Gärten, auf den Wiesen! Siehst Du ihn da denn nicht?

Gott ist doch da! Sicher, er führt uns nicht am Leid vorbei. Aber er begleitet uns darin, führt uns mitten hindurch! Wir bleiben doch in seiner Hand! Immerzu bleiben wir in seiner Hand! So hast Du’s doch immer wieder erfahren. So wird es auch künftig sein! Er, Gott, ist da! Mitten in Deinem Alltag, mitten in dieser Welt!

Mir macht das Mut. Mir gibt das Kraft, diese schwierige Zeit durchzustehen. Adlerkräfte – würde der Zweite Jesaja sagen: Wir werden gehen und werden nicht müde, wir werden laufen und werden dennoch nicht erschöpft.