Echte Gemeinschaft bewahren – und sei es unter Schmerzen

Tipps für‘s unfreiwillige Alleinsein

 

Ich höre: Es fällt schwer! Vor allem den Älteren unter uns, die nach den Empfehlungen der Virologen das Haus möglichst gar nicht mehr verlassen sollten, fällt das, was nun unter dem Stichwort „Kontaktsperre“ von uns abverlangt wird, ausgesprochen schwer!

Was können wir tun?

Wir in der Kirchengemeinde unterstützen die angeordneten Maßnahmen, weil wir in ihnen die einzige Möglichkeit sehen, den Kollaps unseres Gesundheitssystems zu verhindern. Dieser Kollaps – das sehen wir gegenwärtig ja in anderen Ländern – würde unendlich viel Elend bringen – für manchen Erkrankten vielleicht den Tod. Deshalb bitten wir Sie: Lassen Sie uns den Empfehlungen der Virologen folgen und direkte Kontakte meiden! Und: Lassen wir die, die isoliert sind, nicht alleine! Rufen Sie an, schreiben Sie Briefe, machen Sie ... ach, vertrauen Sie Ihrer Fantasie und Ihrem Herzen!

Für diejenigen, denen gegenwärtig die Decke auf den Kopf fällt, nachfolgend ein paar Zeilen von einem, der mit Isolation seine Erfahrungen hat: Dietrich Bonhoeffer. Der Berliner Pastor saß ab 1943 in Gestapo-Schutzhaft – abgeschnitten von der Verlobten, von der Familie und den Freunden. Er hat, wie ich finde, Nachdenkenswertes über die schwierige Situation des unfreiwilligen Alleinseins geschrieben. Auszüge aus Briefen an seinen besten Freund, an Eberhard Bethge (aus: D.B., Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft):

„Wir müssen einfach warten und warten, wir müssen an der Trennung unsäglich leiden, wir müssen Sehnsucht empfinden bis fast zum Krankwerden – und nur dadurch halten wir die Gemeinschaft mit den Menschen, die wir lieben, aufrecht, wenn auch auf eine sehr schmerzhafte Weise.“ (18.12.1943)

Einige Tage später, an Heilig Abend, schreibt er: „Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch garnicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt diese Lücke aus; er füllt sie garnicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“

Aber: „Je stiller es um mich geworden ist, desto stärker habe ich die Verbindung zu euch gespürt. ... Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes, unsichtbares Reich, in dem man lebt, und an dessen Wirklichkeit man keinen Zweifel hat.“

Und so kommt Bonhoeffer für sich zu dem Schluss: „Trennungszeiten sind für das Zusammenleben nicht verloren und unfruchtbar, sie brauchen es jedenfalls nicht zu sein, sondern es kann sich in ihnen – allen Problemen zum Trotz – eine ganz merkwürdig starke Gemeinschaft bilden.“ (Heilig Abend 1943)

Dass Sie gelegentlich etwas spüren von dieser „ganz merkwürdig starken Gemeinschaft – das wünsche ich Ihnen. Ihr Gerald Holzer

26.03.2020