In seinen Fußstapfen

Petrus schreibt: „Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;  der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1. Petrus 2,21b-25 – Predigttext für den 26. April)

 

Es gehört wohl zu den großen Irrtümern der Frömmigkeitsgeschichte, dass es im Leben eines Christen im Kern darum gehe, alle möglichen (und unmöglichen) Dinge zu glauben und als wahr anzuerkennen. Der Jesus jedenfalls, von dem die Evangelien erzählen, verlangt nicht Glauben; er ruft in die Nachfolge: „Kommt schon!“ – sagt er unentwegt – „Macht Euch auf! Folgt mir nach!“ Dieser Ruf und nicht ein diffuses An-etwas-Glauben ist das Zentrum der Botschaft Jesu!

„Folgt Christus nach! Nehmt Euch sein Leben zum Vorbild! Tretet in seine Fußstapfen!“ “ – schreibt deshalb, über 60 Jahre nach Jesu Tod, auch der Erste Petrusbrief. Und skizziert dann die Richtung, in die diese Spuren weisen: Wenn sie Dich schlagen – schlag nicht zurück! Wenn sie Dich beschimpfen – droh nicht mit Vergeltung! Kurz: Nimm lieber Leid auf Dich als es anderen zuzufügen!

„Warum?“ – frage ich – „Hab ich denn nicht alles Recht der Welt, mich zur Wehr zu setzen? Zurückzuschlagen?“ – „Doch“ – würde Jesus vermutlich antworten – „natürlich“. Und vielleicht würde er, wie es Mahatma Gandhi tat, ergänzen: „Wenn Du die Wahl hast zwischen Feigheit und Gewalt, ich würde zur Gewalt raten“. Niemand soll zum Opfer werden. „Ich glaube aber“ – so fährt Gandhi (ich glaube: ganz im Sinne Jesu) fort – „dass Gewaltlosigkeit der Gewalt himmelhoch überlegen ist“ (zitiert nach Uwe Prell, Ziviler Ungehorsam, S.33).

Gewaltlosigkeit: die Bereitschaft, den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen und dafür freiwillig Leid in Kauf zu nehmen. Diese Bereitschaft – behauptet die Bibel – hat transformierende Kraft: Sie verändert den anderen. Und sie verändert mich selber. Die Dinge und die Menschen werden, wie Petrus schreibt, wieder „heil“. Das ist kein frommer Glaubenssatz, es ist ein Satz der Erfahrung: Jesus hat es so erfahren, Gandhi auf seinem Salzmarsch durch Indien, die Teilnehmer der Montagsgebete in den letzten Monaten der DDR. Und auch Martin Luther King, der Kopf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern: Er, der Baptisten-Pastor, war ein Mann des Wortes. Als solcher wäre er wahrscheinlich für die weiße Mehrheitsgesellschaft noch hinnehmbar gewesen. King aber entschied sich für die Konfrontation, für den Kampf: Er organisierte den Boykott des öffentlichen Nahverkehrs, rief zu Demonstrationen und sit-ins auf, nahm an Protestmärschen teil. Das ging seinen Kritikern entschieden zu weit. Sie versuchten ihn mundtot zu machen. Und so ist die Geschichte seines Protestes auch eine Geschichte der Demütigungen, der Schikanen und des Leids: King erhielt Drohbriefe und Morddrohungen, in seinem Pastorat detonierte eine Bombe, er kam ins Gefängnis und wurde – trauriger Tiefpunkt des gesamten Protestes – 1968 ermordet. So hat er erfahren: Wer Ernst macht mit dem großen Traum Jesu, der handelt sich oft auch ordentlich Probleme ein. Und doch hat er recht behalten mit seiner Überzeugung: „Deep in my heart I do believe: We shall overcome some day!“

Was trägt in diesen Kämpfen? – Das Urchristentum hat sich immer wieder des Bildes vom guten Hirten bedient. Jesus, der „Hirte eurer Seelen“ (wie es in unserem Text heißt), steht Euch bei: er wird es Euch an nichts mangeln lassen, er weidet Euch wie Schafe auf grünen Auen und führt Euch zum frischen Wasser, sein Stecken und Stab wird Euch trösten im finsteren Tal (Ps 23). Der gute Hirte wird „das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken“ (Hes 34,15f).

So haben es diejenigen immer wieder erfahren, die Jesu Fußstapfen gefolgt sind. So hat es Martin Luther King in den Jahren der Rassenunruhen erfahren: Aufgerieben und kraftlos nach so vielen scheinbar erfolglosen Aktionen, spielt er 1956 mit dem Gedanken, den Kampf zu beenden und klein beizugeben. Im Rückblick erzählt er: „So saß ich am Küchentisch in Montgomery und war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr. Dann aber war es mir, als ob ich eine innere Stimme hörte, die sagte: ‚Martin Luther, steh auf für Recht, steh auf für Gerechtigkeit, steh auf für Wahrheit. Und siehe, ich will bei dir sein, bis zum Ende der Welt.‘ Ich hörte die Stimme Jesu, die mir auftrug, weiterzukämpfen. He promised never to leave me, never to leave me alone. (…) Plötzlich verließen mich meine Ängste. Meine Ungewissheit verschwand. Ich war bereit, allem ins Auge zu sehen.“ (zitiert nach: Dorothee Sölle, Träume mich, Gott, S.132f)

Was meinen Sie: Ob es das ist, was der 23. Psalm meint, wenn er sagt: Er erquickt meine Seele, er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen? Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du, Gott, bist bei mir“?