Was Lindenblätter mit der gegenwärtigen Krise zu tun haben

Von Siegfried, dem germanischen Helden der Nibelungensage, wird erzählt, er habe einen Drachen getötet und dann in dessen Blut gebadet. Und dieses Bad hätte ihn, den Siegfried, unverwundbar gemacht. Dachte er zumindest. Nicht bemerkt hatte Siegfried aber, dass, während er sich im Blut des Drachens räkelte, sich ein Lindenblatt vom Baum gelöst hatte und unbemerkt auf seinem Rücken gelandet war. Dort, auf dem kleinen Fleckchen Haut zwischen seinen Schultern, war ihm die alte Verwundbarkeit geblieben. Siegfried jedenfalls wähnte sich unbesiegbar. Hagen aber, sein Rivale, wusste um Siegfrieds Fleckchen der Verwundbarkeit. Und bohrte dem überraschten Siegfried hinterrücks seine Lanze zwischen die Schultern. Das war Siegfrieds Ende.

Seit einiger Zeit geht mir die alte Sage nicht mehr aus dem Kopf. Sie wird mir zum Gleichnis: So wie Siegfried – scheint mir – so haben auch wir über viele Jahre gedacht, wir wären unverwundbar, unbesiegbar. Wirklich? Nun hat uns, fast über Nacht, ein Virus überfallen und hat uns in die Knie gezwungen.

Das „Fenster der Verwundbarkeit“, das doch, so sagen es die Militärs, immer geschlossen gehalten werden muss – nun steht offen. Und wir fangen wieder an zu erahnen, dass unsere vermeintliche Unverwundbarkeit nichts weiter war als Fiktion. Auch wenn wir mit (fast) allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, das Corona-Virus in Schach zu halten – wir sind angreifbar geworden, verwundbar. Die Fernsehbilder der italienischen Leichenkonvois, die die Verstorbenen zu den Krematorien fahren, machen uns das auf drastischste Weise bewusst.

Das Fenster der Verwundbarkeit – gegenwärtig steht es sperrangelweit offen. Und das ist enttäuschend. Ent-täuschend im wahrsten Sinne des Wortes: Wir verabschieden uns von einer Täuschung: der Täuschung, unangreifbar zu sein, unverwundbar. Stattdessen wird deutlich: Wir sind Menschen: angreifbar, verletzlich und gefährdet. Wir sind Menschen: angewiesen und bedürftig. So wird die Bibel nicht müde zu erzählen.

Wir, wir hatten lange nichts als ein Lächeln dafür übrig. „Nicht wir!“ – schienen wir zu sagen. Nun holt uns die alte Erkenntnis ein. Ja, es ist wahr: Angreifbar sind wir, verletzlich und gefährdet. Angewiesen und bedürftig. Wir sind Menschen. Sich das einzugestehen schmerzt.

Ja, es schmerzt – und ist doch auch heilsam. Denn vielleicht, vielleicht kann uns ja das weit geöffnete Fenster der Verwundbarkeit zu einem Fenster zum Himmel werden. Mit einem neuen Durchblick auf uns selbst. Und mit einem neuen Durchblick zu Gott. Wer weiß ...

26.03.2020